Stell Dir vor, du lebst in einem Haus voller Bücher, aber die wichtigsten Seiten sind leer.
In meiner Familie war die Vergangenheit lange Zeit genau das: ein weißes Blatt. Ein Tabu. Meine Großeltern sprachen nie darüber, was gewesen war. Es schien, als ob ihr Leben erst in dem Moment begann, als ich sie als ihre Enkelin traf. Die Jahrzehnte davor? Eine einzige, weite Stille.
Aber Stille hinterlässt Spuren. Man findet sie nicht in Geschichten, die bei Kaffee geteilt werden, sondern in den Dingen, die das Vergessen überdauert haben.
Nach dem Tod meiner Großeltern stieß ich auf mitgenommene Fotoalben. Darin waren kleine, Schwarz-Weiß-Fenster in eine Welt, die mir nie erlaubt war zu betreten. Ich sah Gesichter, die ich nicht erkannte, sah Orte, deren Namen ich kaum aussprechen konnte. Und doch gab es eine Verbindung.
Auf der Rückseite der Fotos fand ich die Handschrift meines Großvaters – elegant, sauber, fast zerbrechlich in ihrer Präzision. Er hatte Orte und Jahreszeiten notiert, als wollte er sicherstellen, dass zumindest das Papier nicht vergessen würde, was er nicht laut aussprechen konnte.
Ein Foto hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt: meine Großeltern als junges Paar. Sie halten sich fest, als ob nichts anderes auf der Welt existierte. Auf der Rückseite eine Liebeserklärung meines Großvaters an meine Großmutter. In diesem Moment zog ich den Verlobungsring hervor, den sie mir hinterlassen hatte. Ich hielt ihn gegen das Licht, und plötzlich wurde die Geschichte zu einem greifbaren Gewicht in meiner Hand.
Das ist es, was mich antreibt. Es ist die Suche nach der Poesie der gefundenen Objekte. Bei Clio und Quill tun wir genau das: Wir kuratieren die Fragmente der Geschichte, suchen nach Wahrheit in den Details und finden eine Antwort auf die Stille. Ob in meinem Buch oder in den Werkzeugen, die ich für Dich entwerfe – wir suchen nach dem, was bleibt.
Viviane A. Grabik
